Winnenden und das Netz

Als ich heute morgen auf der Arbeit den Rechner angestellt habe, erfuhr ich als erstes vom Amoklauf in Geneva, Alabama. Eine meiner Anlaufstationen beim morgendlichen Netzrundgang ist natürlich auch Spiegel Online. Schon hier deutete sich die Geschwindigkeitsmanie an, mit der im Laufe des Tages Meldungen rausgehen würden. Um ganz vorne mit dabei zu sein, hatte wohl irgendein Spiegelredakteur/-volontär/-praktikant schnell etwas zusammengeschlurt, heraus kam unter anderem die leicht abseitige Feststellung, in den USA käme es “immer wieder zu spektakulären Amokläufen”. Das ist jetzt nicht unbedingt das Adjektiv, das ich verwendet hätte. Es war dann später auch verschwunden.

Als dann gegen Mittag (war das gegen Mittag?) die ersten Meldungen aus Winnenden kamen, hatten alle im Büro SpOn an, wahlweise auch die Homepage des Zürcher Tagesanzeiger. Gleichzeitig hat jeder seine Tweetfeeds verfolgt. Ich habe bei mir selbst festgestellt, dass die kritischen Konsumenten der Onlinemedien diejenigen sind, die gleichzeitig verantwortlich sind für das Übel, das man ihnen nachsagt. Obwohl wir auf der einen Seite auf fundierte Berichterstattung und anspruchsvoll geschriebene Artikel bestehen, möchten wir quasi im Twittertempo, der wohl größtmöglichen Onlinegeschwindigkeit zur Zeit, informiert werden.

Die Medienmacher erkennen das natürlich und wollen sich mit der abschließenden Meldung zum Thema Amoklauf in Winnenden übertrumpfen: “Täter gefasst!” – “Täter der Polizei entwischt” – “Amokläufer tot?” – Amokläufer von Winnenden tot” hieß es dann im Laufe der Stunden. Die Journalisten schossen schneller als der dpa-Ticker Informationen ausspuckte und spekulierten wild in die schwäbische Landschaft hinein. Da kommen dann so unfreiwillig unkomische Formulierungen wie die von N-TV heraus, Winnenden hätte xx-Tausend Einwohner und ein paar Zerquetschte. Oder Focus, der unfreiwillig komisch beobachtet, wie Einsatzwagen an Online-Reportern vorbeischießen. Das hätte auch ins Auge gehen können.

Und wie sehr die alten Medien immer noch nicht mit dem Internet und den neuen Medien umgehen können, zeigt die Mitarbeiterin von CNN in London, die auf deutsch und englisch und offensichtlich wenig erfolgreich via Twitter auf Augenzeugensuche geht. Was ist eigentlich aus der Medienpartnerschaft mit N-TV geworden bei CNN? Hätte man sich nicht da bedienen können? Twitter hat für mich dennoch heute noch nicht den traditionellen Medien den Rang abgelaufen – um sieben habe ich “heute” gesehen, natürlich emotional überladen. Aber zum Glück gibts morgen ja noch eine Zeitung.

(Ich hätte hier gerne mehr verlinkt, aber mir sind einzelne Tweets entfallen und auch die sich ständig verändernden Überschriften waren nicht wirklich gut zu dokumentieren.)

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.

*