Silbermond und die Meinungsfreiheit


(© laut.de, Fotograf Peter Wafzig)

Okay, ob die sächsische Band Silbermond was mit der Pressefreiheit am Hut hat oder nicht, ist wohl eher nebensächlich für das größere Ganze. Dennoch regt der Vorfall vom letzten Freitag auf und zum nachdenken an. Hier kurz was geschehen ist und meine 2 Cents.

Peter Wafzig, seines Zeichens (hochtalentierter) Haus- und Hoffotograf von laut.de und Knipser für diverse andere Medien, besuchte vergangenen Freitag die Pressekonferenz der Bautzener Popband Silbermond und hatte auch für das abendliche Kölner Konzert einen Fotopass. Der hätte ihn berechtigt zum Fotografieren im Fotograben während des Konzertbeginns. Der Manager von Silbermond, jedoch, hatte seinen eigenen Kopf: Ulf Wenderlich verwies Peter kurzerhand von der PK und zog auch den Fotopass wieder ein. Unser Konzertfotogott kommentiert das Geschehen in seinem Blog wie folgt: Man “könnte […] meinen, dass ein Bandmanager etwas mehr Souveränität an den Tag legen sollte. […] Aber nein, er muss ja unbedingt Öl ins Feuer gießen und das Verbot mit der Qualität der Rezensionen begründen.”

Nun ist Silbermond, denen Wikipedia übrigens ein “enges Verhältnis zu ihren Fans” nachsagt, in der Tat nicht sonderlich gut weggekommen bei laut.de (obwohl es auch Künstler gibt, die wesentlich schlechter abgefertigt werden). Andererseits weiß auch Wenderlich, wenn er sich auch nur ein bisschen im deutschen Musikbusiness auskennt, dass Silbermond eben ein Popprodukt für den Teeniemarkt darstellt. Und nicht das pop-olympische Genie, das laut.de-Redakteuren besonders gut reinläuft und zurecht abgefeiert wird wie beispielsweise Tocotronic, Interpol oder Jarvis Cocker. Von einer bewusst ungerechten Behandlung kann mit Sicherheit keine Rede sein, denn, soviel wage ich zu sagen nach fast sechs Jahren Arbeitserfahrung: Ungerechtfertigt bekommt niemand sein Fett weg bei laut.de. Okay, es sei denn man heißt Jeanette Biedermann oder DJ Ötzi. Und davon sind Silbermond weit entfernt.

Und natürlich ist es auch immer wieder schon passiert, dass man uns auf vergangene, als ungerechtfertigt schlecht empfundene Bewertungen angesprochen hat. Vom harmlosen Hinweis “Aber bitte nicht wieder verreißen!” bis hin zum nicht-mehr-schicken von Platten. Letzteres offenbart zwar schon ein einer großen deutschen Band unwürdiges, unprofessionelles Verhalten, Silbermonds Wenderlich macht allerdings ein ganz neues Fass auf. Weil er zum einen jemanden, der nicht mal zum schreibenden Teil des laut.de-Teams gehört, abstraft, zum anderen weil er in aller Öffentlichkeit eine Selektion vornimmt, in diejenigen, denen er wohlgesonnen ist, und die, mit denen er nicht zusammenarbeiten will. Das könnte – ob das sein Kalkül ist, kann man nur vermuten – natürlich auch als Zeichen an die anderen Medienvertreter gewertet werden. Seht, so ergeht es einem, der schlecht über uns schreibt. Und da wird es in Sachen Pressefreiheit problematisch.

Nun muss man nicht einen größeren Elefanten machen, als Wenderlich einer ist, schließlich geht es um eine zweitklassige Popband aus einer Stadt, die ein bekannteres Lebensmittel hervorgebracht hat als Silbermond. Dennoch überwiegt der Ärger über die zu Grunde liegende Erkenntnis. Leute aus dem Musikbusiness wie Wenderlich sehen die Musikjournaille offensichtlich nur als besseres Vehikel zur Promotion seines Produkts, nicht aber als Werter von Kulturgütern und Gatekeeper in Sachen guter Geschmack. Ob er einen Vergleich seines Produkts Silbermond fürchtet, oder warum er wirklich nicht mehr mit laut.de zusammenarbeiten möchte (was übrigens sehr schade wäre, hat Silbermond doch eines der komplettesten Artistportale bei laut.de), bleibt vorerst sein Geheimnis. Fest steht, dass er offensichtlich nicht verstanden hat, was der Beruf eines Musikjournalisten ist. Das kritische Hören, Bewerten und Beurteilen von Musik nämlich. Vielleicht ist er da ja auch ganz auf der Linie der Major Labels, da heißen diejenigen, die eine Platte an den Mann bringen müssen nämlich ganz trocken Produktmanager.

Abschließend bleibt festzustellen: Wenderlich hat seiner Band mit seinem unprofessionellen Verhalten einen Bärendienst erwiesen und wieder einmal gezeigt, wie schwer man es als Musikmagazin hat, das sich kritisch versucht, allen populären Musikrichtungen zu öffnen. Und was für ein undankbarer Job es ist. Vielleicht sollten wir doch nur noch Metal und Hip-Hop machen. Die rufen wenigstens selbst in der Redaktion an, wenn ihnen was nicht passt.

Edit: Die Sache macht natürlich schon die Runde, via Twitter und in diversen Seiten. Hoffen wir, dass das kein ausgewachsenes PR-Desaster wird.

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