A Decade of Hits V

Die Top Ten Alben des Jahrzehnts. Der Olymp. Bin gespannt, was ihr meint. (Teil IV, Teil III, Teil II, Teil I.)

10. Deftones – White Pony (2000)
Die Deftones habe ich (Nixchecker) das erste Mal 2000 in einem Second-Hand-Laden gehört. Hat mich ziemlich weggeblasen damals. Die Verletzlichkeit, der Schmerz, die Wut, die Morbidität. Gekauft hab ich damals nix im Laden, bin dafür direkt in den nächsten Plattenladen und habe die “White Pony” gekauft. Ich mag die alten Sachen immer noch sehr, die ersten drei Alben sind wohl unerreicht. Auch im Konzert eine echte Offenbarung. Sie haben locker eine Vorband namens Linkin Park an die Wand gespielt, und Chino Moreno, heute dick und unbeweglich, war ein Derwisch, wie man ihn selten gesehen hat.

09. Morrissey – You Are The Quarry (2004)
Ich bin erst in der Neuzeit zu Morrissey gekommen. Die Smiths habe ich eher vom Gassenhauer “Panic” gekannt und Moz selber nur in den Neunzigern mit seinem Überhit “The More You Ignore Me The Closer I Get” (und nur bedingt mit dem viel, viel besseren “Everyday Is Like Sunday”) wahrgenommen. Egal. “You Are The Quarry” hat glaube ich in der ganzen Laut-Redaktion eine Art Morrissey-Craze ausgelöst, deren grösste Träger die Kollegen Schuh, Henze, Oriwall, Mengele und ich sind. Zurecht. “You Are The Quarry” ist ein rundum perfektes Album mit mindestens zwei Mördersingles (“Irish Blood, English Heart” und “The First Of The Gang To Die”) und jede Menge hochkarätigem “Füllmaterial”. Topp.

08. Queens Of The Stone Age – Songs For The Deaf (2002)
Als Visionsleser bin ich schon relativ früh auf die Queens gestoßen. Dementsprechend schlug “Songs For The Deaf” ein wie eine Bombe auf bereitetem Acker. Ein Monster von einem Album, Hits am laufenden Band, die auch nach sieben Jahren nichts von ihrer Wirkung verloren haben (am Wochenende erst wieder erlebt). Ich hatte damals das Glück, die Band mit Dave Grohl an den Drums live zu sehen. Eine Naturgewalt. Danach waren QOTSA nie wieder so gut und ich nie wieder so Fan. Ein Album, an dem kein Weg vorbei führt.

07. Turbonegro – Scandinavian Leather (2003)
Das Comeback-Album von Turbonegro, das auch mich zur Band gebracht hat. Es reicht fast an “Apocalypse Dudes” heran, wirkt ausgefeilter, nicht so roh. Statt Arschrakete jetzt der Mut zum Erfolg im Rockzirkus. Statt Untergang der Phoenix aus der Asche. Auch die Norweger waren damit auf dem Höhepunkt ihres Schaffens angekommen, und ich bezweifle mittlerweile, dass da nochmal ein (gutes) Album kommt. “Scandinavian Leather” würde mich über einen Split einer meiner absoluten Lieblinge hinwegtrösten. (Dass es “Sell Your Body (To The Night)” übrigens bis in die Top 20 der laut.de-Songcharts geschafft hat, und zwar völlig ohne mein Zutun, habe ich bis heute nicht geschnallt.)

06. Bright Eyes – Lifted Or The Story Is In The Soil, Keep Your Ear To The Ground (2002)
Anfang 2003 bin ich zu Saddle Creek gekommen, über ihre damals sehr charmante englische Vertretung. Ich bin in kürzester Zeit, vor allem Dank Cursive, zu einem Jünger mutiert. Aber auch “Lifted” hat es mir schnell angetan. Heute halte ich es für das zweifelsohne beste Album, das auf Saddle Creek erschienen ist, noch vor Cursives epischem “The Ugly Organ”. Soviel Schönheit, soviel verstörendes, soviel Traurigkeit auf einem Album. Soviel Ich-kann-das-nicht-hören, soviel Ich-kann-nichts-Anderes-hören. Conor Oberst hat sich verewigt in dem Moment, wo ihm alles entglitten ist, und (zum Glück) bevor er sich wieder gefangen hat.

05. Beatsteaks – Smacksmash (2004)
Noch so ein Album, das mich getroffen hat, wie ein Vorschlaghammer. Allerdings erst nach mehrmaligem Hören. “Smacksmash” ist ein Grower vor dem Herrn gewesen in seiner Zeit und für mich heute eines der Rockalben des Jahrzehnts. “I Don’t Care As Long As You Sing” hat mich lange gestört, heute kann ich gut damit leben. Meine Lieblinge, für immer aufs Herz tätowiert: “Big Attack” und “Atomic Love”. Erschwerend kommt bei den Buletten natürlich hinzu, dass sie die beste Liveband der Welt sind. Punkt. Animationsscheiße hin oder her. Es geht nix über die Beatsteaks in Concert. Basta! (Eine Tatsache, von der ich übrigens schon mehrere gar nicht rockaffine laut-Redaktionsmitglieder überzeugen konnte.)

04. At The Drive-In – Relationship Of Command (2000)
Zuerst konnte ich ja gar nix mit At The Drive-In anfangen. Von der Visions schon fast zu Tode gehypt, fand ich mich eher ablehnend bis verständnislos. Was sollte der arrhythmische Lärm? Später hab ichs dann gecheckt. Zu spät für die Band, für diese Legende, über die eigentlich schon alles geschrieben wurde. “Relationship Of Command” steht als Denkmal ihrer selbst. In den beiden Nachfolgebands Sparta und The Mars Volta (beziehungsweise in deren Gegensätzlichkeit) kann man gut sehen, warum das nicht auf Dauer gut gehen konnte. Ich habe mich nach je einem Album auf die Seite von Sparta geschlagen. Für laut.de habe ich einmal Jim Ward interviewt, ein sehr netter Kerl.

03. Tocotronic – Kapitulation (2007)
Oh, “Kapitulation”. Tocotronic habe ich ja auch viel zu lange vernachlässigt. Eigentlich bis Anfang dieses Jahrzehnts, fahrlässig. Doch dafür übersteigert sich meine Verehrung in der Liebe zu “Kapitulation”. Für mich das perfekte Album von Tocotronic, ich wüsste nicht, was danach noch Besseres kommen soll. Im Januar soll es soweit sein. Ich bin hoffnungsfroh und ängstlich zugleich, denn das große Gefühl, das “Kapitulation” getragen hat, in seiner Totalität des Entgleitens, des absoluten Verlusts, das lässt sich wohl kaum Wiederholen. Keine Frage, Tocotronic sind eine der wenigen Bands, die von Anfang an gut waren und sich dann mit (fast) jedem Album gesteigert haben. Obendrein sind sie eine auch politisch höchst integre Band (ich habe Dirk und Arne im Interview mal darauf angesprochen und trotz aller Indizien wollten sie sich nicht festlegen). Jeder Mensch sollte ein libidöses Verhältnis zu Tocotronic pflegen.

02. The Streets – Original Pirate Material (2002)
Das einzige Album mit Beats in den Top Ten. Aber heilige Mutter Maria, was für eines. Über Radio Eins (!) gehypt, bzw. völlig zurecht transportiert, hat diese Scheibe damals meine Kollegenschaft in der Poststelle des Cornelsen Verlags völlig aus dem Häuschen hinterlassen. Und zwar die Alten, wie die Jungen. Diese Beats, die Samples, die Stimme, dieses Storytelling, diese Beiläufigkeit. Und das alles soll er zuhause am Rechner zusammen gebastelt haben? Ein Genie, mindestens! “Let’s Push Things Forward”, ein Hit für die Ewigkeit. Beim Antrittsbesuch des blassen Mike Skinner barst das SO36 aus allen Nähten, am Ende haben alle, inklusive Tonmann und Barpersonal applaudiert. Eine Musik, der man sich nicht entziehen kann.

01. mclusky – Do Dallas (2002)
Das ist es also. Der Gipfel. Die Ultima Ratio. Die Mutter aller Platten (zumindest der Nuller Jahre). Und ich kann es gar nicht erklären. Ich komme mir ein bisschen so vor wie der geremixte Slayer-Fan. mclusky sind einfach rrrrrrrrrraaaaaaaaaaaaahhhh!!!einself Raw Power! Wahnsinn! Absolute Ungezügeltheit! Wut, Ironie, Theater. Live genauso irre wie auf Platte. Im Magnet hat beim mclusky-Konzert ein Crowd-Surfer die große Discokugel von der Decke gekickt, 2003 stand Basser Jonathan Chapple auf dem Westend-Festival am Ende nackt auf der Bühne. Rotblonde Schamhaare sind nicht das schönste auf der Welt. Aber dieser Anblick fasst den Irrsinn, den mclusky stehts (und nie so in Perfektion wie hier) vertont haben, ganz gut zusammen. Besser gehts nicht. Nicht in diesem Jahrzehnt.

4 Kommentare

  1. Mit rotem Schamhaar die Charts beenden ist ganz grosses Kino.
    Werde das Album bei Gelegenheit mal suchen. Haste mich Technokid derbe angeteast.

  2. mit Spannung verfolgt und für gut befunden ;o)

    klugscheissenderweise prangere ich das gänzliche Fehlen zweier Perlen an:

    The Notwist – Neon Golden (2002)

    And you will know us by the Trail of Dead – Source, Tags & Codes (2002)

  3. Richtig, die fehlen. … Trail Of Dead sind bei mir einfach rausgerutscht aus den Top 50 (das ist ja nur die Spitze des Eisbergs, eigentlich hab ich tatsächlich ca. 150 Alben, die unteren zwei Drittel aber recht unsortiert), und zu The Notwist habe ich einfach nicht so den Zugang.

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