Schweizer Käse – Das Kreuz mit dem Minarett


Eigentlich hatte ich das hier noch vor der Volksabstimmung zum Minarettbau in der Schweiz posten wollen, jetzt ist es zu spät und das Kind in den Brunnen gefallen (s.o.).

Ein paar ungeordnete Gedanken zur Abstimmung der Schweizer über den Minarettbau. Lange hab ich mich mit offenen Einschätzungen des Landes, in dem ich zu Gast bin, zurückgehalten, heute scheint es angebracht, etwas anzumerken. Vor allem, weil mich das alles so ankotzt. Wer mich kennt, weiß, dass ich dem Islam sehr kritisch gegenüberstehe und selbst am Besten ganz ohne Religion leben könnte.

Dennoch muss sich jeder, der einen Schweizer Pass besitzt, bewusst sein, dass Helvetia heute ein rassistisches Votum getroffen hat. Die SVP verkauft das Ergebnis des Volksentscheids natürlich als rein bauliche Entscheidung und als Ja zur Integration von Ausländern, doch dem gemeinen Wahlvolk wird das architektonisch-ästhetische Für und Wider herzlich egal gewesen sein. Das Ja zum Minarettverbot zeugt von einem dumpfen, kleinbürgerlichen Rassismus, erstaunlich ist lediglich, dass fast jedes Kanton dafür gestimmt hat. Allein die aufgeklärten Stadtkantönler aus Basel und die Romands haben sich (teilweise) mehrheitlich gegen das Verbot ausgesprochen.

Eine solche Entscheidung hätte so natürlich auch in Deutschland eintreffen können, ich bin mir sogar recht sicher, dass die Deutschen nicht klüger entscheiden würden, ließe man sie nur. Das heutige Ergebnis zeigt, dass es nicht immer gut ausgeht, wenn man das Volk nach seiner Meinung fragt. An einen Volksentscheid in Deutschland möchte ich lieber gar nicht denken.

Mag man dem Islam auch kritisch gegenüber stehen, mit Emanzipation des Geistes hat dieser Entscheid nichts zu tun. Wirklich aufgeklärt wäre wohl eher eine Ablehnung aller Gotteshäuser gewesen.

Wenig tröstlich, aber dennoch nicht völlig entmutigend sind die Reaktionen derer, die ähnlich aufgeklärt zu sein scheinen, wie ich mich es wähne. Auf Twitter finden sich deutliche Worte:

Feeling disgusted by the first predictions. Are we really such a xenophobic society?

David, you’re Swiss, right? – No, today I’m from Basel.

Ich bin schockiert und enttäuscht, dass die Vorlage wohl angenommen wird.

Embarrassed and ashamed that the country I’m from and live in has just banned minarets. Makes me want to leave…

Bei Facebook gibt es eine Gruppe “Ich schäme mich für das Resultat der Minarett-Initiative“, deren Zahl im Laufe des Tages rapide angestiegen ist, und die um zwanzig vor neun fast 22,000 Mitglieder zählt (und auf deren Startseite mich zwei meiner jüdischen Facebook-Kollegen anlächeln). Erstaunlicherweise halten sich z.B. die älteren Twitterer zurück bzw. bloggen unangenehm ambivalente Einträge.

Am deutlichsten sagt es wohl ein Schweizer Kollege per SMS: “Da wird mir übel. Rassistisch hirnlos und scheinheilig glaubenstrunken macht ne nazichristen-fraktion, plus ein paar flachdenker, politik.”

Spontante Kundgebungen und Mahnwachen hat es zumindest in Basel, Bern, Zürich und St. Gallen gegeben, vor dem Bundeshaus in Bern fanden sich laut @rolandstuder am frühen Abend rund 300 bis 400 Leute ein. All das ist natürlich hilfloser Aktionismus, doch das Gefühl, dass man nicht allein ist, mit seiner “guten” Meinung, schweißt zusammen. Was das Votum für die Schweiz bedeutet, wird sich in den nächsten Tagen und Wochen zeigen, aber mich würde nicht erstaunen, wenn fanatische Idioten die ein oder andere Schweizer Flagge anzünden. Wundern dürfte man sich in der Alpenrepublik darüber nicht.

Edit: Der Politikwissenschaftler in mir zwingt mich zu folgendem Nachschub: Die Abstimmungsbeteiligung war (konnte man sich denken) scheinbar recht niedrig. Das relativiert das Ergebnis ein wenig, ändert aber nichts an meiner grundsätzlichen Einschätzung.

4 Kommentare

  1. hey matze,

    das ergebnis ist traurig, aber die niedrige beteiligung als "entschuldigung" zu nennen, ist indiskutabel. denn wer für seine meinung einsteht, geht wählen. und wer nicht wählen geht, darf nicht lamentieren.

    es ist auch nicht erstaunlich wie das ergebnis ausfällt, ist doch die schweiz nicht nur eine bedeutende exportnation, ein wichtiger, neutraler vermittler und ehrlicher makler bei vielen internationalen konflikten, sondern AUCH klein und provinziell. und dieser teil ist wählen gegangen, während der andere, sich aufgeklärt und kosmopolit nennede teil vermutlich einen latte getrunken oder einen bio-tee geschlürft hat.

    in vielen kommentaren liest man, dass die konsequenzen für ein exportland, das den großteil seiner erlöse im ausland erwirtschaftet, schlimm sein werden.
    gleichzeitig steht in vielen kommentaren (auch deinem), dass in anderen ländern europas ähnliches passieren hätte können.
    so gesehen können wir ja jetzt einfach mal schauen, was für auswirkungen so ein entscheid auf ein kleines, bisher exportstarkes land hat und müssen nicht gleich das schicksal von 300 millionen europäern dafür riskieren.
    auch wenn es zynisch klingt: lass es uns als "experiment" sehen.
    v.a. auch, ob libyen jetzt netter gesinnt ist, was arabische länder ihren vermögensverwaltern sagen (vermutlich nichts, geld kennt keine moral) und was das alles für den maschinenbau der schweiz bedeutet.

    leider, leider treffen solche experimente auch den süddeutschen raum, denn nicht wenige pendler hängen am erfolg der schweiz dran.

    ich wünsche der schweiz, dass alles nicht so schlimm kommt wie angedroht, es wäre schade um sie.

  2. Danke für die Anmerkungen! Als "Entschuldigung" war die niedrige Beteiligung von mir allerdings keinesfalls gedacht.

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