radio radio

ich habe mich über die jahre in einen radioverächter verwandelt. früher, da habe ich wirklich gern radio gehört. die ersten musikalischen geschmacksverirrungen hatten ndr2 und später dann auch ffn, der erste private radiosender niedersachsens, zu verantworten. abende und wochenenden wurden damit zugebracht, die bevorzugten pop-tunes per kassette mitzuschneiden, wobei man immer den moderator/dj verflucht hat, weil er immer über die intros gelabert hat. früher war es mode, die intros voll auszunutzen, und erst die klappe zu halten, wenn die lyrics begannen. mit dem niedergang der moderatorenkultur hat sich dieses problem allerdings erledigt. später, als man sich selbst cds kaufen konnte oder tapes mit den freunden austauschte, hat man sich natürlich nicht mehr die mühe des mitschneidens gemacht und konnte dafür ganz entspannt den sendungen lauschen.

mit fortschreitender pubertärisierung wechselte man vom alte-leute-sender ndr2 und dem immer unsäglicher werdenden ffn zu bremen vier, hier trauten sich die musikredakteure noch was, hier lief der rock’n'roll. der sonntag nachmittag war ausgebucht mit dem “rocktelefon”. wenn ich mich nicht irre, von 12 bis 15 uhr auf sendung, gab es drei stunden lang, vielleicht waren es auch vier, hörerwünsche satt. von aktuellem zeug bis hendrix oder den doors (fand ich damals klasse), aber eigentlich war den wünschenden wie den wunscherfüllern nichts heilig. lieder aus der sesamstraße wurden genauso gespielt wie jingles von radio bremen vier selbst.

ich glaube, ich habe mir auch mal was gewünscht, aber ich kann mich nicht mehr erinnern, was. oder “pops tönende wunderwelt” (die es, wie ich gerade begeistert sehe, scheinbar immer noch gibt), eine sendung, die zwischen 22 und 24 uhr sonntags lief, die ich immer im bett hören musste, weil montags ja schule war. in der ersten stunde hat joachim deicke absolut abwegige weltmusik gespielt, eigentlich gar nicht meine tasse tee, aber er hat immer so viel und kenntnisreich dazu erzählt, dass man es einfach interessant finden musste. in der zweiten stunde gab es dann ein reichlich absurdes fortsetzungshörspiel, das von folge zu folge absurder wurde. und damit immer fesselnder.

und dann kam ganz lange nichts. ich bin nach 1997 berlin umgezogen, und habe dort natürlich erstmal fritz gehört, auch sehr zu meiner zufriedenheit. ich kann mich noch erinnern, dass an einem meiner ersten tage, an dem ich allein im gottverlassenen rudow saß, “dust in the wind” von kansas auf fritz kam, mit dem furchtbar aufbauenden refrain “all we are is dust in the wind”. ich habe prompt meine erste krise bekommen. doch auch mit fritz konnte man gute zeiten haben, vor allem die radiofritzen und die abendlichen soundgardens haben gut unterhalten. doch gerade in berlin haben sich die öffentlich-rechtlichen radiosender dem druck der privaten gebeugt und den limbo unter die niveaustange fröhlich mitgetanzt.

so wurde fritz über die zeit absolut unhörbar (bis auf einzelne soundgardens abgesehen), und auch radio eins, zu dem ich mich mittlerweile geflüchtet hatte, war nicht immer das gelbe vom ei, auch wenn es mir so manchen arbeitstag beim cornelsen verlag verkürzte. vor allem der claim “nur für erwachsene” ist mir immer tierisch auf die nerven gegangen. so habe ich mich (in ermangelung einer flatrate) in die konservenernährung zurückgezogen, was angesichts der masse an platten problemlos ging, aber hin und wieder die frischmusikzufuhr ein wenig gehemmt hat.

warum ich das alles schreibe? das fragst du dich erst jetzt? nun, ich bin in das gelobte ultrakurzwellenland eingezogen. die bodenseeregion liegt in der äußersten ecke des empfangsbereichs von fm4, einem radiosender des orf und radiologisch heimat der harten hasen stermann und grissemann, die in berlin durch radio eins bekannt geworden sind. der sender sendet auf deutsch (naja, das, was die österreicher dafür halten), und englisch, und manchmal glaube ich auch auf französisch. die musik, die sie spielen ist meistens indie as fuck, so dass ich mir nicht selten die karten lege, wer da nun grade durch den äther rauscht. aber auch in sachen gitarrenmusike und elektro sind die wiener nicht grade zimperlich. und ganz nebenbei bekommt man den äußeren blick auf die bundesrepublik nördlich der alpen, was ja auch ab und an ganz gut tut.

momentan überträgt fm4 die highlights des frequency-festivals (das komischerweise unter der woche stattfindet, und zu dem ich nächstes jahr unbedingt hin muss, wenn ich diesjähriges line-up sehe), und was ich da höre, wärmt mir das herz. nur zwei perlen: fettes brot intonieren “nordisch by nature” unterlegt von “i like to move it”. und wohl der spruch des festivals von art-brut-sänger eddie argos: “this is a new song. it is about listening to your walkman instead of your parents.”

ich bin zum radio zurück gekehrt.

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