Schweizer Käse – Die Schweiz und die Burka

Der Grosse Rat, das Kantonsparlament des Kantons Aargau, hat mit grosser Mehrheit (89 zu 33 Stimmen) einen Beschluss angenommen, der besagt, dass eine Standesinitiative (aka Gesetzesentwurf/Entwurf einer Verfassungsänderung) ausgearbeitet werden soll, in der es um das Verbot des Tragens einer Burka (darunter würden dann wohl auch alle anderen Formen der Verschleierung der muslimischen Frau, Niqab, Tschador und Çarşaf fallen) geht.

Die Initiative wurde von den Schweizer Demokraten (SD) in den Grossen Rat eingebracht. Die sind, vornehm ausgedrückt, ziemlich rechts und hiessen bei ihrer Gründung 1961 noch Nationale Aktion gegen Überfremdung von Volk und Heimat. Im Grossen Rat sind sie mit nur 2 Sitzen vertreten (stärkste Partei ist die rechtspopulistische SVP mit 45 Sitzen). Unterfüttert wurde die Annahme des Initiativ-Vorstosses mit den üblichen Argumenten: Von der Freiheit der Frau und der Dominanz des Mannes war da die Rede, aber auch natürlich vom mangelnden Integrationswillen (von der schleichenden Islamisierung der Schweiz hat diesmal wenigstens niemand offen gesprochen).

Dennoch ist die Stossrichtung wie auch schon bei der Minarett-Initiative vom vergangenen Herbst klar xenophob. Was man nicht kennt und was nicht als schweizerisch genug angesehen wird, darf hier auch nicht sein.

Ich möchte hier keine Lanze brechen für den Islam, wer mich kennt, weiss, dass ich jeder Religion äusserst skeptisch gegenüber stehe (und das nicht erst, seit ich einen Hueresiech von Kirchturm direkt vor meinem Fenster stehen habe). Am skeptischsten dem Islam gegenüber, dessen radikale Auslegungen eigentlich nur Assoziationen mit mittelalterlichen (vulgo unaufgeklärten) Daseinszuständen zulassen.

Dennoch würde ich mir wünschen, dass eine gesellschaftliche Diskussion stattfindet, auf Augenhöhe mit aufgeklärten Muslimen, und keine politische, emotional aufgeheizte Debatte um Verbote, wo Rechte sich als Feministen gerieren und die Kritiker-Gutmenschen von Religionsfreiheit zetern. Und dass es in einer solchen gesellschaftlichen Diskussion nicht nur um den Islam geht, sondern um jede Religion.

Denn wenn es verboten ist, Minarette zu bauen und sich als muslimische Frau zu verschleiern, ist für mich der nächste logische Schritt, auch den Bau von Kirchen zu stoppen und die Kreuze aus den Klassenzimmern zu nehmen. Das wäre doch mal wahrlich aufgeklärt.

Und überhaupt fasst es das Knapp-Daneben-Blog am besten zusammen. Welche Burkas eigentlich?

(Foto von Maurits Burgers, Lizenz.)

7 Kommentare

  1. Ich bin auch für eine klare Trennung von Staat und Religion.
    Aber das ist glaube ich einfach (noch) nicht realisierbar.
    Und mit Verbots wird sicher nichts gelöst.

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  3. Ich habe mir meine Meinung noch nicht abschliessend machen können.

    Eigentlich bin ich klar gegen ein solches Verbot. Einerseits, weil ich der Meinung bin, dass eine offene Gesellschaft solche Extrema aushalten muss, wir reden hier ja von Einzelfällen, andererseits weil in einer offenen Gesellschaft die Religionsfreiheit hoch gehalten werden muss, und drittens weil es sehr problematisch ist solch allgemein gehaltene Vorschriften zu persönlichen Präferenzen, wie die der Bekleidung zu erlassen, auch weil wir mit einem solchen Verbot anderen Eingriffen in die Persönlichkeitsrechte Tür und Tor öffnen.

    Allerdings ist das Argument des Schutzes des betroffenen Frauen vor Unterdrückung schon nicht einfach von der Hand zu weisen, auch wenn ich klar sehe, dass das oft ein vorgeschobenes Argument von Leuten ist, die sich sonst nicht unbedingt als Beschützer der Frauenrechte hervortun.

    Doch gerade einige der von Dir erwähnten moderaten Muslimen sprechen sich auch aus diesen Gründen für ein solches Verbot aus. Die Spaltung geht hier quer durch alle politischen Linien und Wertesysteme, ausser bei Rechtsaussen, dort gibt es keine Unklarheiten :-)

    Dies mal so meine ersten Gedanken dazu, noch nicht fertig, weitere Diskussionen nötig…

  4. Wieso nur Minarette und Burkas? Wieso nicht religiöse Symbole an Bauten und Gesichtsverschleierung? Es gäbe viel weniger Probleme, wenn man diese religiösen Symbole verallgemeinert angehen würde. Es soll sich nicht nur der Islam betroffen fühlen sondern auch alle andere Religionen. Gleichberechtigung und so! War doch mal wichtig?
    Das verbieten religiöser Bauten finde ich zwar nach wie vor unnötig, das verbieten eines Gesichtschleiers macht hingegen eher Sinn. Wobei auch nicht wegen den Religionen. Es verunsichert einfach, wenn man das Gesicht des gegenübers nicht deuten kann. Dies fängt bei mir schon bei einfachen Sonnenbrillen an. Schaut mich mein gegenüber an oder nicht? Soll oder kann ich den Blick erwiedern? Klar Sonnenbrillen sind nötig und sicher nicht zu verbieten, wenn jemand aber einen schleier trägt wirds noch verzwickter, nicht mal ein Lächeln erkennt man. Ist jemand annonym ergeben sich noch ganz andere Probleme. Der klassische Banküberfall ist hier zu nennen. Klar da zieht der Täter seine Sturmmaske nicht schon zuhause an, aber unkenntlich ist er trozdem.
    Soviel zur Theorie, in der Schweiz habe ich ehrlich gesagt noch nie(!) eine Verschleierte Frau gesehen. Deshalb kann man sich fragen ob man dieses Thema überhaubt zu diskutieren braucht, so von wegen wir haben doch noch ganz andere Probleme und so.

  5. Ich bin im Grossen und Ganzen d’accord mit dir, Andreas. Allerdings räumt eine “Entschleierung” der Frau ja noch nicht das Problem beispielsweise der häuslichen Gewalt aus. Wenn eine Religion so ausgelegt wird, dass ein Geschlecht über dem anderen steht, dann ist eine Kleidungsvorschrift nur ein Aspekt dessen.

    Und wenn überhaupt, warum werden dann Verschleierungen verboten, aber keine Bärte oder traditionellen Gewänder, die Männer tragen?

    Ich bin der Ansicht, dass es bei der Diskussion um ein Verschleierungsverbot (wie übrigens auch bei der Minarettinitiative) vordergründig darum geht, das Erscheinungsbild des Islam im öffentlichen Raum zurückzudrängen, damit er das abendländische Empfinden nicht stört. All die z.B. genderspezifischen Probleme, die eine islamistische Auslegung dieser Religion mit sich bringt, wird nicht angetastet und quasi im Privaten belassen. Insofern ist ein solcher Vorstoss nicht wirklich vom Gedanken der Gleichberechtigung getrieben (was mich bei der SD eh stark wundern würde).

  6. @Paxx: Mein Reden. Und dein letzter Absatz spiegelt ja das wieder, was drüben bei Knapp daneben geschrieben wurde. Ich habe in meinen bald anderthalb Jahren in Zürich genau einmal zwei Frauen in einem Çarşaf (Batman meets Goth: http://www.islamicboutique.com/prodimages/kh02001.jpg) gesehen. Selbst in einer Stadt mit grosser muslimischer Bevölkerung wie Berlin, wo ich immerhin neun Jahre gelebt habe, sieht man das nicht jeden Tag (sondern nur, wenn man sich regelmässig in Neukölln oder Kreuzberg bewegt).

    Und zum Banküberfallvergleich sag ich nur: http://www.tagesanzeiger.ch/panorama/vermischtes/In-Burka-gehuellte-Maenner-ueberfallen-Post/story/11466329

  7. Ach herrlich mir fällt gerade so viel Schabernack ein den man mit Burkas treiben könnte.
    Zum beispiel das hier in Burka: http://www.youtube.com/watch?v=g1dxNsjYeIs
    Oder Burka basteln mit aufdruck auf dem Rücken: “Prägen sie sich diesen Eindruck ein, den erfahren sie vieleicht nie mehr” dann durch die Stadt ziehen.
    Oder dasselbe machen wie die nette Dame (Oder wars ein Mann) aus der Streetart Doku auf Arte, die Plakate mit Burkas übermalt hat.
    oder Paste Ups mit lebensgrossen Burkaträgerinnen erstellen. Auf der Burka: “I <3 Switzerland"
    Burkaträgerin mit gehobener Hand zum "Spok-Gruss" um das fremdartige hervorzuheben.

    Vieleicht würde dies Helfen das Thema nicht so ernst zu nehmen.

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