Die WM ist wie Fasnacht

Ich bin gestern, während und nach dem Halbfinaleinzug der Deutschen bei der WM, zu der Erkenntnis gekommen, dass die WM eigentlich nichts weiter ist als ein vier Wochen andauernder Karneval. Oliver Kalkofe hat glaube ich einmal sinngemäß gesagt, dass der Karneval die einzige Angelegenheit wäre, während der der Mensch sich freiwillig auf die Stufe eines Primaten zurück begäbe.

Auch während der WM/EM geben scheinbar völlig normale Menschen alle zwei Jahre offensichtlich gerne ihr Hirn ab, und kümmern sich einen guten Monat lang nicht mehr um Fragen von Nation, Identität und Inklusion/Exklusion.

Gestern also der vorläufige Höhepunkt des diesjährigen Mummenschanzes, und wer – wie ich – nicht mitmacht, muss sich dann solch krude Anwürfe anhören, er/sie sei ein schlechter Verlierer (obwohl man weder selbst gespielt hat noch sich sonst irgendwie angedeutet hat, Deutschland habe – rein sportlich – zu Unrecht gewonnen). Auch hier besteht übrigens eine Parallele zum beim Karneval gerne angebrachten, ähnlich komischen Diskreditierungsversuch, man sei einfach nicht locker genug für die angemessene (vulgo, von der Masse vorgegebene) Teilhabe am Großereignis.

Wer sich also weigert, sich im schwarz-rot-goldenen Spaßbad treiben zu lassen und auf einer nationen-kritischen bzw. aufgeklärten postnationalen Position beharrt, gilt als Spaßbremse des Kollektivs, derer man sich entledigen muss. Im Web2.0 passiert das dann ganz bequem über den Unfollow-Button (der natürlich auch andersherum funktioniert), aber nicht, ohne vorher noch zu verlautbaren, dass man auf der Party störe.

Vor vier Jahren war bei mir der Höhepunkt der Frustration nach dem Viertelfinale gegen Argentinien erreicht, als ich als kritischer Antinationaler die volle Wucht des gedankenlosen Partypatriotismus zu spüren bekam, gestern war es ironischerweise nach gleichem Set-Up der Fall.

Ich habe schon vor der WM erklärt, warum ich auch diesmal nicht für Deutschland sein werde, übrigens mit dem Resultat, dass mir von einem anderen Deutschen in der Schweiz vorgeworfen wurde, ich würde in bestem SVP-Duktus schreiben (eine Aussage, die sicher nicht von politischem Verständnis zeugt). Ich bleibe auch nach dem Viertelfinale dabei, auch wenn ich mir seit gestern Abend einmal mehr bewusst bin, dass die Stimme der Vernunft in Zeiten der Unvernunft nicht gerne gehört wird.

3 Kommentare

  1. Dann mal ein wenig Senf von mir dazu, wenn ich hier schon implizit vorkomme:
    Der SVP-Duktus bezog sich auf Deinen Post, in dem Du vom “deutschen Mob” geschrieben hattest. Das erinnerte mich stark an die SVP-Kampagne aus Zürich, die wenige Wochen zuvor meinte, “deutschen Filz” an der Uni Zürich erkennen zu müssen. Mein Tweet (Link finde ich nicht, scheiss Twittersuche) bezog sich einzig und allein auf diese Aussage und nicht generell auf Deinen Schreibstil bzw. Duktus (Deinen Stil bzw. Deine Texte lese ich nach wie vor gerne). Von Mob spreche ich, wenn ich an Rostock-Lichtenhagen denke oder an Hools. Die Fanmeilen, so wenig ich das Getue da mag, sind für mich dann doch etwas anderes. Das mag ein semantisches Problem sein, kein inhaltliches, aber ich finde, hier stellst Du meine Aussage ohne Kontext und in einem falschen Licht dar. Und “Vorwurf”, naja, ich würde es wohl eher augenzwinkernden Kommentar nennen, aber anyway.

    Ich halte mich selbst auch nach wie vor für einen überzeugten Linken, bin mit 14 in eine Partei eingetreten, habe in Berlin Politik studiert und denke von mir, dass ich Fan-Sein von aggresivem Nationalismus trennen kann.

    Dass irgendjemand nicht für die Schweiz, Italien oder Deutschland ist, ist mir egal, dass würde ich niemandem vorwerfen, hab ich auch nicht. Hab nur mal ein “gähn” geantwortet auf Deinen “ich geh dann mal kotzen”-Tweet, den ich eben pretty lame fand. Meine Party hast Du zumindest nicht gestört.

    Man sucht sich seinen Verein nicht aus, sagt Nick Hornby – es ist anders herum. Das gilt wohl bei mir auch bei der Nationalmannschaft und darum trage ich auch gerne mein Mesut Özil-Trikot (wenn auch zwei Nummern grösser als das Original).

    Bei Facebook-Gruppen wie “82 Millionen gegen Boateng” bekomme ich aber auch das Kotzen und Schweinsteigers “so ist der Argentinier eben”-Tirade war ebenfalls nicht auszuhalten.

    Note to self: Mal die alten FU-Studiumsunterlagen rauskramen und nach Antinationalismus suchen.

  2. Moment, du hast am OSI studiert? Von wann bis wann? Und hatten wir das schon? – Mag sein, dass ich deinen Tweet aus dem Zusammenhang gerissen hier erwähnt habe, ich habe allerdings auch bewusst drauf verzichtet, Namen zu nennen. Ich wollte nur darstellen, dass es nicht ganz passt, jemandem das eine vorzuwerfen (oder augenzwinkernd anzumerken), wenn es aus völlig anderer Position (die SVP hetzt als Schweizer Partei gegen Deutsche (und Ausländer generell) – ich dagegen polemisiere als Deutscher gegen Deutsche) kommt.

    Darüber hinaus bin ich grundsätzlich der Meinung, dass jeder Linke ein kritisches Verhältnis zur Nation haben sollte. Und über die staatstragende Funktion von “Institutionen” wie einer Nationalmannschaft während internationalen Vergleichen muss ich dir ja wohl nichts sagen. Ergo wird jeder Anhänger der deutschen Nationalmannschaft zum implizit konsensualen Träger der deutschen Nation. Und das ist das, wo ich nicht mitmache.

  3. Ich glaube, wir hatten irgendwann mal beim Werder Bremen gucken im Pub drüber geredet. Ich war von 2004 bis 2008 am OSI, davor am GSI in München.

    Wie gesagt, ich finds ok, wenn Du aus Deinen Gründen mitmachst. Ich nehme für mich in Anspruch, zwischen Nationalelf und nationalem Überheblichkeitsgehabe trennen zu können. Aber klar, einige können das nicht und der Grad ist sicher schmal zwischen Anfeuern, etwas Schadenfreude und “wir sind besser als anderen”. Mir machts aber momentan einfach unglaublichen Spass solche Weltklassespiele wie gegen Argentinien anzusehen mit tollem, kreativem, schnellen und wenn man so will “undeutschem” Fussball. Ich glaube aber weder daran, dass die Özil, Boateng und Podolski beweisen, dass Integration in Deutschland funktioniert, noch das Merkel jetzt aus dem Umfragetief kommt. So simpel sind die Zusammenhänge dann doch nicht.

    Dass Du keine Namen nennst ist ok, solang ich die Möglichkeit zur Gegenrede habe, schreibe ich gerne offen, ich steh zu meinen Tweets :-) Ich bin nach wie vor der Meinung, dass “deutscher Mob” (gerade in Zürich vor dem SVP-Hintergrund) eine misslungene Polemik war, aber das liegt wohl im Auge des Betrachters. In die Nähe der SVP-Hetzer wollte ich Dich nicht stellen.

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