Der Tagi & die “Chaoten” von Zürich

(Ich will mir nur den Frust von der Seele schreiben.) Ich bin genervt vom Tagesanzeiger, kurz Tagi. Bis vor kurzem hatten wir die Zeitung bei uns in der WG abonniert und ich nutze die Web-Präsenz tagesanzeiger.ch, wenn ich News aus Zürich verfolgen möchte.

Allerdings stösst mir immer wieder sauer auf, dass Tagi-Redakteure gerne von “Chaoten” sprechen, sobald irgendwo Gewalttaten und/oder Sachbeschädigungen stattfinden, die von einer Gruppe ausgeführt werden (vulgo im Zusammenhang mit Fussballspielen und dem linken Spektrum). Das zeugt von einer gewissen professionellen Hilflosigkeit (respektive von der Unfähigkeit oder dem Unwillen, das Geschehene einzuordnen) und hat nichts mit einer fairen und ausgewogenen Berichterstattung zu tun – ich nehme den Tagi sonst eigentlich nicht als rechtskonservatives Blatt war – und ist somit imo schlechter Journalismus.

Wichtiger Einschub: Ich befürworte keine Gewalt gegen Personen oder Dinge. Ich halte sie in der Regel für unkonstruktiv und kontraproduktiv.

Weiter im Text. Nun hat es gestern und heute früh am zweiten Wochenende in Folge Auseinandersetzungen von Jugendlichen mit der Polizei in der Zürcher Innenstadt gegeben. Die Vorfälle vom letzten Wochenende geschahen nach einer anfänglich friedlichen “Party” von rund 1000 jungen Menschen, die als Protest gegen Polizeiaktionen gegen illegale Parties in Zürich gedacht war. Im Nachhinein habe ich aus erster Hand Geschichten gehört, die beide Seiten, sowohl randalierende Jugendliche als auch völlig unverhältnismässig agierende Polizei, nicht gut aussehen lassen.

Gestern Abend ging es am Central weiter, wieder mit Konfrontation und Randale. Ich war spät noch unterwegs und hab grade noch erlebt, wie es los ging. Bin nach Hause und habe heute Morgen wieder einen Artikel im Tagi gelesen, der völlig unreflektiert und in bester rechtskonservativer Manier von “Chaoten” spricht. Dem Autor, Felix Schindler, ist es offensichtlich darum gegangen, einen möglichst tendenziösen Artikel zu schreiben, der jegliche Tiefe und ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema vermissen lässt. Als reine Berichterstattung taugt er auch nicht (wegen der tendenziösen Töne). Die fürchterlichen Kommentare geben Schindler leider weitgehend Recht, was seine Linie (und die des Tagi) nicht besser macht.

Eine ausgewogene Berichterstattung würde sich derweil erstmal mit den Fakten begnügen (wie z.B. dieser Artikel in der NZZ es schafft) und eine Wertung eventuell in einem Kommentar vornehmen. Was mich allerdings am meisten stört an der Berichterstattung des Tagi ist, dass ein derart Stimmung machender Artikel einfach veröffentlicht wird und sich am zweiten Wochenende mit Zusammenstössen in Folge niemand fragt, was da eigentlich läuft.

Ich persönlich denke nicht, dass die Ereignisse in Zürich einem politischen Impetus folgen. Dennoch muss es Gründe geben für das Verhalten der Jugendlichen – ganz ähnlich wie die Vorgänge in englischen Grossstädten vor einigen Wochen keine politischen Riots waren, aber doch auf gewisse Missstände hingewiesen haben, die in Grossbritannien bestehen. Das war jetzt kein Vergleich der Geschehnisse in Zürich mit den London Riots. Es wäre jedenfalls interessant, wenn ein Journalist, anstatt sich in pseudo-populistischem Geschwafel aufzulösen, mal hinter die Kulissen schauen würde und die Frage stellt: Warum ticken die so? (Ein Wort, dass ich in diesem Zusammenhang auch nie wieder lesen möchte: “Krawalltouristen”. Das erklärt ebenfalls überhaupt nichts.) Das wäre dann guter Journalismus, lieber Tagi.

2 Kommentare

  1. Wie kommst Du auf die Idee, dass die Ausschreitungen (sowohl in Zürich, als auch in England bzw. 2005 in Paris) nicht politisch sind? Steht das auch im Tagi? Wie es aussieht ist die von die beschriebenen Aufruhr nur einer in einer Reihe von vielen – uner anderem gegen “eine Kundgebung christlicher und rechtskonservativer Abtreibungsgegnerinnen ” (NZZ). Ist das auch unpolitisch? Warum beides jetzt? Vollkommen zusammenhanglos?
    Nicht alles was nicht in der Politik stattfindet ist nicht politisch (das waren drei “nichts” – sorry!). Und auch Gewalt kann politisch sein, war es schon immer – zumal wenn sie im öffentlichen Raum stattfindet und sich gegen die bewaffnete Repräsentation einer politischen Instanz, also die Polizei, richtet. Man kann das gut finden oder nicht, man kann Angst um sein Auto haben oder sich an den Flammen wärmen aber wer glaubt, das dahinter nichts politisches steht, verallgemeinert genau so sehr wie Menschn, die in Bildsprech von “Chaoten” reden.

  2. Danke für deinen Input, Pingu. Ich habe nicht behauptet, dass die Krawalle kein politischer Akt waren, sondern, dass sie keinem “politischen Impetus folgen”. Ich denke, da liegt ein Unterschied. Und die Proteste gegen die unsäglichen Pro-Lifers nehme ich ganz explizit aus, ich spreche von den Krawallen am Bellevue und am Central (was genau am Helvetiaplatz vorgefallen ist, weiss ich nicht).

    Mir ist bewusst, dass es Soziologen und Politologen geben, die behaupten, dass jeder Akt einer Masse in der Öffentlichkeit ein politischer Akt ist. Dennoch denke ich nicht, dass die Krawalle von politischen Forderungen begleitet werden, die im Voraus (oder im Nachhinein) formuliert werden. Selbst wenn es darum geht, mehr Freiräume für Jugendliche zu schaffen oder diese zu erhalten, denke ich, dass es sich dabei höchstens um eine gesellschaftspolitische Forderung handelt. Aber eine konkrete (linke,) politische Forderung im Sinne antikapitalistischer, kapitalismuskritischer, antinationaler oder sogar revolutionärer Stossrichtung kann ich da beim besten Willen nicht erkennen.

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